Made in China
Die Produktion von Heilpflanzen hat sich in China in den vergangenen Jahren dramatisch erhöht. Man kann es nicht anders bezeichnen. Von 1996 bis 2006 steigt sie um das Siebenfache (Quelle: Anmerkung 3). Zum Vergleich: Die Umsätze der Pharmabranche haben sich im gleichen Zeitraum weltweit verdoppelt.[1] Dabei müssen wir wissen, daß Heilpflanzen, welche Adaptogene einschließen, in der traditionellen chinesischen Medizin TCM eine überragende Rolle einnehmen. Sie durchziehen das gesamte Gesundheitswesen. Da China, außer für seine Angestellten im Regierungssektor, keine Pflicht zur Krankenversicherung kennt und die meisten Chinesen Medikamente und Behandlungen aus eigener Tasche bezahlen müssen, ist - entgegen der Prognose westlicher Experten - die relativ billige TCM nicht geschrumpft, vielmehr, signifikant gestiegen. Da auch der Lebensstandard selbst für die Mehrheit der Menschen seit Jahren ansteigt, bei uns stagniert, ist die Nachfrage nach Präparaten aus Heilpflanzen zügig gewachsen. Die Exporte sind dagegen nach wie vor bescheiden, auch weil der Binnenmarkt sich so stürmisch ausweitet.
In China und Japan gilt der Kranich als Symbol der Langlebigkeit und des Glücks
Die chinesische Medizin unterscheidet Heilkräuter nach drei Kategorien: (1) superiore Heilpflanzen; sie sind atoxisch (nicht giftig, unschädlich für die Gesundheit) und als tonische Heilmittel verwendbar; (2) in der zweiten Kategorie finden sich Heilpflanzen mit milder Toxidität für spezifische Beschwerden, die sich zusammen mit den superioren verwenden lassen; (3) in der dritten Klasse finden sich toxische Heilpflanzen, welche nur für ganz spezifische Leiden und für eine ganz bestimmte Zeit zu verwenden sind. Chinesische Heilpflanzen, die als Adaptogene identifiziert wurden, werden als superior betrachtet (Winston & Maimes, Adaptogens, 2006, S. 59).
Was ist von der Qualität zu halten? Hat die gesteigerte Produktion zu einem Absinken der Qualitätsstandards geführt?
Wir kennen aus der Presse immer wieder Meldungen über Probleme mit Produkten aus China (Spielzeug, Tierfutter, Zahnpasta für Mexikaner, usw.) Da Japan viele seiner Nahrungsmittel und Heilpflanzen aus China importiert, hat der japanische Gesundheitsminister eine Studie über die gesundheitliche Qualität von importierten Nahrungsmitteln anfertigen lassen. Ergebnis: 98.69 % der Nahrungsmittelimporte nach Japan aus den USA sind sicher, gegenüber 99,38 der Produkte aus der Europäischen Union und 99.42 aus China.[2]
Im Hinblick auf den Entwicklungsstand der Branche der chinesischen Heilpflanzen ist vor einigen Wochen ein Bericht in der Fachzeitschrift Phytotherapy [Pflanzenheilkunde] Research [Forschung] erschienen.[3] Der Bericht schildert, was die chinesische Regierung und die Unternehmen getan haben und tun wollen, um die Qualität der Produkte weiter zu steigern. Er beschreibt die Einführung und Durchsetzung von neuen Qualitätsstandards für den Anbau und die Verarbeitung von Heilpflanzen. Ein „strategischer Plan” für pflanzenbasierte Heilmittel wurde entworfen und umgesetzt. Die Evaluierung der Sicherheit wird in mehreren Zentren geleistet, pharmakologische Forschungszentren wurden errichtet, die nach internationalen Standards arbeiten. Technologische Zentren für die Produktion von pflanzlichen Produkten für gesundheitliche Zwecke wurden aufgebaut. Die TCM wird nunmehr an 27 Hochschulen gelehrt und praktiziert. Jährlich kommen im übrigen mehr als 3000 Ausländer nach China, um die traditionelle Medizin zu erlernen. Wir können also erwarten, daß diese traditionelle Medizin sich auch bei uns weiter ausbreitet. In Japan heißt sie Kampo und ist dort wie in China offizieller Teil des Gesundheitssystems.
Die Anstrengungen, folgen wir diesem Bericht, sind somit gewaltig. Die chinesische Regierung hat keine Probleme, Unternehmen, die pflanzenbasierte Arzneimittel und Nahrungsergänzungsprodukte entwickeln und herstellen, als „high-tech” einzustufen und ihre Gewinne mit geringeren Sätzen (15 Prozent) zu besteuern. Die Forscher und Entwickler der Firmen und der staatlichen Zentren und Universitäten zeigen uns theoretische und therapeutische Wege auf, gerade im Bereich der hier diskutierten Adaptogenik, die im Westen aus verschiedenen Gründen noch wenig begangen werden (dürfen).
Moderne Technologien der Herstellung von Arzneien und Nahrungsergänzungsprodukten aus Pflanzen kommen daher in China (und Japan) durchgehend zum Einsatz. Harte Grenzen für Pestizide und Schwermetalle sind durchgesetzt. Die Regierung kontrolliert rigoros. China ist keine Demokratie in unserem Sinn. Aber die Menschen dort kennen kein Erbarmen mit der Regierung, wenn es darum geht, ihre gesundheitlichen Interessen zu offenbaren und durchzusetzen. Stirbt in China etwa ein Kind an Nebenwirkungen von Arzneimitteln, sind die Verantwortlichen aus Firmen und Behörden Opfer wütender Proteste.
Die chinesische Regierung fördert TCM. Der Markt für Produkte aus Heilpflanzen wächst rasant. [4] Die Zivilisations- und Volkskrankheiten (Herz-Kreislauf, Diabetes, Demenz, Krebs, usw.) steigen auch in China unaufhörlich (westlicher Lebensstil). Dies gibt der adaptogen-orientierten Forschung und Medizin einen gewaltigen Auftrieb. In China existiert nicht wie im Westen - wir sprechen von Mainstream-Medizin - eine Abneigung gegen eine pflanzenbasierte Medizin. Auch die Forschung zu Adaptogenen ist deswegen zunehmend ostasiatisch (China/Taiwan, Japan, Korea) verankert. Hierzulande fließt nur wenig Geld in diese Forschung. Aufgrund der Krankheiten vorbeugenden und therapeutischen Wirksamkeit und höheren Kosteneffektivität wird Adaptogenik diesen Ländern auch wirtschaftliche Vorteile verschaffen.
Moderne Schulmedizin steht gleichberechtigt neben der hochtechnologischen Produktion von pflanzlichen Heilmitteln. Also: Investitionen in die Gesunderhaltung statt nachträglicher Krankheitsreparatur.
[1] Handelsblatt, Leichter Aufwind für Pharmamärkte, 9. Oktober 2009.
[2] Dies berichtet die französische Wirtschaftszeitung Les Echos am 7. März 2007 (Pékin assure lutter contre les ratés du ‚made in China’; Peking versichert gegen die Verfehlungen des „Made in China” zu kämpfen)
[3] Liu Xinmin und andere, The current global status of Chinese Materia Medica, Phytotherapy Research, Band 23, 2009, S. 1493-1495.
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