Action man - Unternehmer/innen der eigenen Gesundheit
Jerry Morris ist 99 Jahre alt. Er ist Wissenschaftler, immer noch beim Lesen und Schreiben und Vorträge halten - und Laufen.
Schwimmen tut er nicht mehr. Wenn er in einem Schwimmbecken auftaucht um sich zu bewegen, glauben die Menschen, sie müßten ihn „retten” - vor dem Ertrinken. Solches Gutmenschentum mag er nicht. Sein Porträt erschien vor kurzem in der Financial Times: „Der Mann, welcher körperliche Bewegung erfand.”[1]
Vor über 60 Jahren hat Morris in London untersucht, warum Busfahrer öfters an Herzversagen erkranken und sterben, als Busschaffner. Das gleiche untersuchte er mit Postbeamten am Schalter und Briefträgern. Er hat dazu mit Mitarbeitern einen Aufsatz geschrieben.[2] Seine wissenschaftlichen Kollegen haben seine Ergebnisse damals mit „allgemeinem Unglauben” zur Kenntnis genommen, wie er sagt. Was hat er heraus gefunden: Körperliche Bewegung beeinflußt die Wahrscheinlichkeit des Eintretens von Herzkreislaufkrankheiten. Vor 60 Jahren war das eine revolutionäre Erkenntnis, heute weiß es jeder; sich danach richten tun aber nur wenige. Wir berichten die Geschichte, weil Morris, nach der Entdeckung seiner Erkenntnis, sein Leben total umstellte. Er nahm Ernst, was er entdeckte. Er bewegte sich, ging zu Fuß, lief herum, wo immer es ging. Noch in hohem Alter weigert er sich den Fahrstuhl zu benutzen. Treppen über alles. Wie die Busschaffner.
Sein Körper hat es ihm gedankt. Er ist gesund. Er ist einer unter uns, die tun, was sie wissen, was sie für richtig halten. Deswegen bezeichnet ihn Simon Kuper, dem wir die Geschichte verdanken, als einen „action man“, einen Mann des Handelns, wir können auch sagen, einen Unternehmer seiner Gesundheit.
Obwohl Krankheiten des Herzkreislaufsystems die häufigste Todesursache bei Menschen sind, findet das Wissen über die kausalen Zusammenhänge, obwohl nunmehr 60 Jahre alt, nur eine begrenzte Anwendung im praktischen Leben. Vielmehr hat die pharmazeutische Industrie eine große Zahl von Medikamenten entwickelt - und wir alle dürfen sie mittesten -,[3] welche es kranken Menschen gestatten soll, ohne Änderung ihrer Lebensweise diese Krankheit therapeutisch zu beherrschen. Wir haben es somit mit einer ausgeprägten Lücke zwischen Wissen und Tun oder einem Wissensfilter zu tun, den wir selbst in uns herum tragen. Wissen wird nicht in unternehmerisches Handeln umgesetzt. Wir machen nicht, was wir wissen, obwohl es uns, täten wir es, eine bessere Zukunft schenken würde.
Was Morris nicht wußte, wohl an sich erfahren hat, erkannte der Römer Marcus Cicero 65 vor Christus: „Es ist körperliche Bewegung alleine, welche unsere Lebensgeister unterstützt und unser Gehirn in Schwung hält”. Heute ist wissenschaftlich nachgewiesen: physische Aktivität fördert das Gesundbleiben des Gehirns, wirkt gegen Altersverwirrtheit.
Wir können jedoch forschen so lange wir wollen,[4] wenn es nicht gelingt, die Erkenntnisse, seien sie 60 oder 2000 Jahre alt, zu den Menschen zu bringen - bevor sie in der Klinik ankommen oder in die Pflege abgeschoben werden. Wer hat hier welches Interesse? Für Kliniken gut, für Ärzte gut.
Jeder muß es selbst machen: wie Jerry Morris oder Cynthia Kenyon oder Immanuel Kant.
Cynthia Kenyon ist Biologin an der Universität von Kalifornien, San Francisco.[5] Sie hat sich wissenschaftlich mit der Frage beschäftigt, ob eine stärkere Zurückhaltung beim Essen, Kalorienreduktion genannt, Gesundheit fördert. Sie will es auch an sich selbst beweisen, wie Morris aus England. Sie hat 2002 mit einer Diät angefangen, die weniger Kalorien enthält, insbesondere verzichtet sie weitgehend auf Zucker. Sie gab zunächst auf, stieg dann wieder ein. Sie fand heraus, daß sogar Würmer der Gattung Caenorhabditis elegans (Nematoden) im Laboratorium, die nur zwei Prozent weniger Zucker bekamen, ihre gesunde Lebensspanne ausweiten konnten. Insgesamt hat sich die Lebensspanne der Würmer durch Reduktion der Nahrungsaufnahme um das Sechsfache erhöht. Sie ist so überzeugt von ihrer Wissenschaft, daß sie eine Firma mitgegründet hat, Elixir Pharmaceuticals, die eine lebensverlängernde Tablette herstellen will.
„Grundsätzlich mache ich einen großen Bogen um Nachtisch und stärkehaltige Nahrung, aber ich esse Schokolade”. Auf einer Konferenz im September 2009 an der Universität Harvard, konnten die Teilnehmer Frau Kenyon in Augenschein nehmen. Als sie sagte, wie alt sie sei (55) - Erstaunen, man schätzte sie auf zehn Jahre jünger. [6]
Was zeigt uns das? Man kann selbst durch Nematoden reich, berühmt und gesund werden.
Aber, ein großes Aber: man muß schon etwas dafür tun, eine action woman aus sich machen, eine Unternehmerin der Gesundheit, unserer (vielleicht; falls die Tablette etwas taugt) und ihrer eigenen. Wer steigt schon gern von Kaffee auf grünen Tee um, oder mischt Schisandra chinensis in seinen Rotwein?
Vergessen wir dabei nicht den größten deutschen Philosophen, Immanuel Kant (1724-1804).
Er war von Geburt an von schwächlicher Verfassung. Dennoch: „Seines zarten Körpers ungeachtet, ist Immanuel Kant bis zu seinem 70. Lebensjahr, ja darüber hinaus, niemals eigentlich krank, d. h. bettlägerig gewesen; wie wir schon wissen, hat er ja auch, mit einer einzigen Ausnahme, nie eine seiner Collegstunden versäumt.” [7] Arme deutsche Professoren - heutzutage. Die Statistik über krankheitsbedingt ausfallende Vorlesungen bleibt aus guten Gründen unter Verschluß. Auch Kant war ein action man, sprich Unternehmer, nicht nur seiner Gesundheit, er hat auch ein eigenes Unternehmen aufgebaut.
Viel wichtiger noch, für uns, was er dazu sagt:
„Daß zwischen der Theorie [Wissen] und Praxis noch ein
Mittelglied der Verknüpfung
und des Übergangs von der einen zur anderen erfordert werde,
die Theorie mag auch noch so vollständig sein, wie sie wolle,
fällt in die Augen.” (Immanuel Kant, 1798).
Action man und Action woman: Mittelglieder der Verknüpfung. Unternehmer ihrer eigenen Gesundheit.
[1] Kuper, Simon “The man who invented exercise“. Financial Times. (11 September 2009).
[2] Morris JN, Heady JA, Raffle PA, Roberts CG, Parks JW (1953): ”Coronary heart-disease and physical activity of work”. Lancet 265 (6795), S. 1053-7.
[3] Man nennt das “Anwendungsbeobachtungen”: die Wirkung von Medikamenten wird von Ärzten an die Pharmaindustrie rückgemeldet (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 4. Oktober 2009, S. 36).
[4] Die neuesten Erkenntnisse hierzu: Long- but not short-term multifactorial intervention with focus on exercise training improves coronary endothelial dysfunction in diabetes mellitus type 2 and coronary artery disease.
Sixt S, Beer S, Blüher M, Korff N, Peschel T, Sonnabend M, Teupser D, Thiery J, Adams V, Schuler G, Niebauer J., Eur Heart J. 2009 Sep 30.)
[5] en.wikipedia.org/wiki/Cynthia_Kenyon
[6] Nicholas Wade, Quest for a Long Life Gains Scientific Respect, The New York Times, 28. September 2009.
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